Anforderungen an Toolkits

Bereits 1998 untersuchte Eric von Hippel in einer Studie, ob die Kosten für die Extrahierung von wertvollen Nutzerinformationen durch den steigenden Grad der Computerisierung gesenkt werden könne. Der Gedanke war, dass ein hoher Grad der Computerisierung

„to an increasingly common pattern of innovation task partitioning [führen könnte] in which users are “empowered” to customize products and services for themselves at user sites.

Die Schlussfolgerung besteht darin, dass unter drei Voraussetzungen der Produktentstehungsprozess zunehmend zu den Nutzern transferiert werden kann.

  1. Das Unternehmen muss einen heterogenen Bedarf für einen Produkt- oder Servicetyp feststellen.
  2. Sowohl die Kosten, die der Nutzer für die Umsetzung seiner Bedürfnisse generiert, als auch der Informationsbedarf für die Problemlösung selbst müssen hoch sein.
  3. Der Transfer der Bedürfnisinformationen zum Unternehmen selbst ist kompliziert, während die Umsetzung der Lösungsinformationen für das anwendungsspezifische Problem auf Seiten des Unternehmens zu keinen Komplikationen führt.

Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, wird generell empfohlen ein Toolkit für Nutzer zu erstellen, um ihnen ein Instrumentarium an die Hand zu geben, welches aus Sicht des Nutzers ein besseres, auf eigene Bedürfnisse zugeschnittenes Produkt ermöglicht. Stephan Thomke und Eric von Hippel definierten vier Anforderungen, die für jede Art von Toolkit gelten müsse, um eine Akzeptanz bei den Nutzern hervorzurufen und somit das Toolkit zu einem erfolgreichen Einsatz zu verhelfen.

Vollständiges Trial-and-Error
Toolkits müssen Nutzer in die Lage versetzen, über Learning by Doing und Trial-and-Error einen iterativen Design-Prozess abzuschließen. Simulationen können beispielweise dem Nutzer schnell und einfach ermöglichen, sich ein Bild von seinem Produkt zu machen und dieses iterativ zu verbessern. Sollte eine Simulation nicht ausreichen, könnte sie um Methoden des Rapid-Prototyping ergänzt werden. Ziel ist die Zufriedenheit des Nutzers, die sich damit einstellt, dass durch simuliertes Feedback ermöglicht wird, die aktuelle Lösung zu bewerten.

Benutzerfreundlichkeit
Toolkits dürfen den Nutzer nicht überfordern, indem divergente Sprachen oder Kommunikationsebenen für die Bedienung des Toolkits notwendig sind. Während Lebensmittelchemiker in chemischen Verbundstoffen und Rezepturen denken, beschreiben Kunden deskriptiv den Geschmack (süß, sauer, bitter, rauchig), so dass es bei unterschiedlichen Adressaten des Toolkits sinnvoll ist, unterschiedliche Ausführungen des Toolkits zur Verfügung zu stellen.

Komponenten und Module
Komponenten und Module sind einzelne Bestandteile in Form von Programmiersprachen, Visualisierungen, Hilfe-Menüs, Zeichenprogrammen Textfelder, u.a., die die allgemeinen Funktionsweisen des Toolkits herstellen und dem Nutzer zur Lösung seines Problems zur Verfügung stehen. Toolkits müssen eine Library an Standard-Komponenten und –module besitzen, auf die der Nutzer während des Design-Prozesses zurückgreifen kann. Dies erspart dem Nutzer, das Rad neu zu erfinden und stellt sicher, dass er seine ganze Aufmerksamkeit auf die wirklich neuen Elemente seines Designs konzentrieren kann.

Begrenzter Lösungsraum
Ein begrenzter Lösungsraum bezeichnet die Gesamtheit aller möglichen Kombinationen und Variationen der zur Verfügung stehenden Module und Komponenten. Dieser wird vom Hersteller definiert. Das Toolkit muss einen begrenzten Lösungsraum besitzen respektive Informationen über die Machbarkeit des Designs bereithalten, damit der Nutzer über potenzielle Einschränkungen der Produktion informiert wird.

Des Weiteren wird in der Literatur eine fünfte Anforderung an Toolkits gestellt, die eine reibungslose Kommunikation zwischen Nutzer und Unternehmen darstellt. Der Transfer der für den Nutzer optimalen Problemlösung an das Unternehmen sollte eine fehlerfreie Übersetzung der Kundenlösung in die “Sprache” des Herstellers leisten.

Ein Beispiel für die virtuelle Integration von Nutzern über ein Toolkit ist ein von dem Kristallschmuckhersteller Swarowski KG durchgeführter internetbasierter Designwettbewerb. Für das Produkt Crystal Tattoos wurde eine Java-basierte Internetanwendung entwickelt, die den Nutzer zunächst durch ein Web-Formular führt, welches Informationen über das Produkt und den Nutzer abfragt. Gegen Ende des Formulars erlaubt es die Applikation, unterschiedliche Schmucksteine mit Hilfe einer Drag-and-Drop-Funktion auf einer Gestaltungsoberfläche beliebig anzuordnen, so dass die Nutzer aufgerufen wurden, eigene Kreationen am Computer zu entwickeln.

In vier Wochen wurden insgesamt 263 selbst entwickelte Motive in Form von abstrakten Mustern, Ornamenten, Symbolen und Tiermotiven von Nutzern entwickelt, die Swarowski verhalfen, kreative Designanregungen als auch Informationen zu Präferenzen und zum Bedarf individueller Tattoos beim Endkunden zu sammeln. Zudem konnte ein integrierter Kostenkalkulator, Preise der Designs und Informationen über die Zahlungsbereitschaft ermitteln.

Jedes gut entwickelte Toolkit bietet mehrere Vorteile für die Produktentwicklung gegen über der traditionellen Produktentwicklung: Toolkits können (i) Nutzer besser und gezielter Ihre Bedürfnisse mitteilen lassen, als Unternehmen die Bedürfnisse der Nutzer erforschen, (ii) aufgrund des von dem Nutzer spezifischen Produktdesigns eine schnelle Produktion gewährleisten, da das Unternehmen nur noch die Bedürfnisinformationen in (vorhandene mit einander kombinierbare) Lösungsinformationen übertragen muss und (iii) mittels eines definierten Lösungsraumes mehrere Produktionsrunden für ein spezifisches Produkt ausschließen, da das gewünschte Produkt von User designt, verbessert und zur Produktion freigegeben werden kann.

Toolkits eröffnen Marktmöglichkeiten, in dem die Zusammenarbeit mit unrentableren kleineren Kunden erschlossen werden kann. Da zuvor aus Gründen hoher Produktions- und Prozesskosten eventuell Aufträge abgelehnt werden mussten, können mehrere kleinere Kundengruppen bedient werden, welches eine höhere Kundenzufriedenheit zur Folge hat und eine Abwanderung zu Konkurrenten verhindert.

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