Proaktives Management des Geistigen Eigentums

Geistiges Eigentum bezieht sich auf kreiertes Gedankengut und beinhaltet Inventionen, Literatur und Kunst, Symbole, Namen, Bilder und Designs, die kommerziell verwertet werden. Der Markt für Geistiges Eigentum, der aus dem Handel von Lizenzgebühren und Patenten besteht, hatte im Jahr 2000 (ja, sorry, ist eine etwas ältere Quelle, Seite 152) ein Volumen von 142 Milliarden USD, wobei 90% davon auf die USA, Japan und die EU entfielen.

Die Anzahl der weltweiten Patentanmeldungen ist zwischen 2005 und 2006 um 4,9% auf insgesamt 1,76 Millionen gestiegen und liegt damit knapp unter dem Trend der weltweiten Anmeldungen der letzten Dekade, die eine durchschnittliche Wachstumsrate von 5,3% aufweist, was zum einen daran liegt, dass der Bedarf an Schutzrechten weiterhin eine Konstante beherbergt und viele Unternehmen Schutzstrategien fahren, um das Unternehmen nach außen abzusichern.

Gassmann und Bader belegen in ihren Studien, dass 75% aller Unternehmen ausformulierte Patenstrategien besitzen, die mit ihrer Unternehmensstrategie abgestimmt und flächendeckend implementiert sind sowie regelmäßig überprüft und aktualisiert werden, wobei die Forschungs- und Entwicklungsbereiche der Unternehmen aktiv in diesen Prozess eingebunden sind. Dies bedeutet, dass die verantwortlichen Personen – meist Rechtsabteilung oder ausgegliederte Beratungsunternehmen – einen defensiven Bezug zum Geistigen Eigentum einnehmen und somit das Geschäftsmodell des Unternehmens und den Innovationsprozess beeinflussen. Sie sind darauf bedacht, das Unternehmen juristisch abzusichern und zu verteidigen, jedoch sind sie nicht daran beteiligt, Werte für das Unternehmen zu schaffen.

Unternehmen arbeiteten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts intern daran, aus den jüngsten technologischen Erfindungen, Produkte zu erstellen, die der Markt haben wollte. Sie benötigten keine externen Einflüsse, da die großen technischen Fortschritte in großen finanziell gut ausgestatten Forschungslaboratorien wie den Bell Labs oder Xerox PARC entwickelt wurden. Doch bedingt durch den starken
Wettbewerb waren die Industrien angehalten, ihre Forschungsbudgets jährlich zu erhöhen. So musste zudem die Pharmaindustrie in den 80er Jahren auf dem Weg zu einem neuen Medikament viele Präparate und Wirkstoffe patentieren lassen, deren Erfolgsaussichten nicht garantiert waren.

Die Mehrzahl solcher Patente wurden nicht vermarktet, sondern lediglich als Schutzmechanismus eingesetzt oder gespendet, um wenigstens die laufenden Patentkosten zu sparen. Doch in jedem Industriezweig mit großen Forschungseinrichtungen wurde das von Chesbrough bezeichnete Closed IP [Intellectual Property] Management praktiziert. Im Jahre 2002 gaben Siemens und Procter & Gamble an, selbst lediglich 10% der eigenen Patente zur Verwertung zu nutzen. Die anderen 90% lagen brach.

Allein in Deutschland lag nach einer Studie des Instituts für Wirtschaft (IDW) Köln aus dem Jahr 2006 die Anzahl aller aktuell ungenutzten Patente bei 100.000, wobei die Studie einen Anteil von 55,8% für Patente ermittelte, die als unmittelbar umsetzungsreif gelten. Multipliziert man die Anzahl der ungenutzten Patente mit einer durchschnittlichen Wertverteilung von 150.000 Euro ergibt sich für deutsche Unternehmen ein Umsatzpotenzial in Höhe von 8,37 Milliarden Euro resultierend aus der bislang ausbleibenden Verwertung ungenutzter und umsetzungsreifer Technologien respektive Patente.

Neben dem ungenutzten Wertanteil der Patente wirken sich steigenden Kosten der Forschung und Entwicklung negativ auf die Unternehmenserträge aus. 2006 investierte Intel 3 Milliarden USD in zwei Halbleiterwerke in den USA und Israel. 20 Jahre zuvor hätte das Investitionsvolumen inflationsbereinigt nur 30 Millionen USD betragen. In der Pharmaindustrie verhält sich der Investitionsaufwand, ein neues Medikament herzustellen, ähnlich. Während 1995 die Patentierung eine Medikamentes ca. 80 Millionen USD kostete, betragen die Investitionskosten inflationsbereinigt heute ca. 800 Millionen USD.

Ökonomischer Druck lastet auf Unternehmen (nach Chesbrough)
Ökonomischer Druck lastet auf Unternehmen (nach Chesbrough)

Als weiterer Nachteil wirken sich immer kürzere Produktlebenszyklen aus. Wissenschaft und Technik schreiten mit einer solchen Geschwindigkeit voran, dass selbst größte Firmen nicht mehr auf allen Gebieten forschen können, aus denen grundlegende Ergebnisse für ihre Produktentwicklung gewonnen werden. Während beispielsweise in den frühen 80er Jahren der Lebenszyklus eines Festplattenlaufwerks für Disketten nach fünf bis sechs Jahren endete, betrug Ende der 80er Jahre dieser lediglich nur noch zwei bis drei Jahre. Nach nur noch sechs bis neun Monaten in den 90er Jahren wurden Festplattenlaufwerke durch neue Technologien ersetzt.

Gründe für proaktives Management des Geistigen Eigentums
  • Bestehende Entwicklungskosten für Technologien und Innovationen
  • Kürzere Produktlebenszyklen verursachen höhere Entwicklungskosten
  • Erschließung neuer Märkte zur Nutzung eigener brachliegender Patente

In einem geschlossenen Innovationssystem fühlen sich Unternehmen sicher, ihre Erfindungen an dritte Unternehmen zu verkaufen, da diese Unternehmen meist nicht genug Kompetenzen besitzen, die Erfindungen und Patente in dem gleichen Markt zu kommerzialisieren. Im digitalen Zeitalter des Internets, in dem sowohl nützliche Informationen als auch viele Möglichkeiten zur Verwertung überall und jedermann zugänglich sind, ist die Erfindung nicht mehr zweckgebunden. So verwenden Unternehmen neue Technologien für ihr Geschäftsmodell differenziert. Kein Unternehmen kann jeden Nutzen einer Technologie für sich anwenden, so dass es in Open Innovation die neue Technologie für ein anderes Unternehmen mit einem gänzlich anderen Nutzen der Technologie lizenzieren kann. Der daraus entstehende Markt wird in der Literatur Secondary Market oder auch Intermediate Market genannt.

Die Präsenz dieses Marktes erweitert die Anzahl der verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten der neuen Technologie und ermöglicht zusätzlich Spezifikationen durch Unternehmen in gleichen oder unterschiedlichen Branchen. So spezialisieren sich Unternehmen auf ihre Kernkompetenzen, in dem sie beispielweise neue Technologien entwickeln, während sich andere auf die Produktentwicklung fokussieren und wiederum andere auf unterstützende Elemente wie Service, Anwendungen oder spezielle Nischen konzentrieren.

Der ökonomische Druck wird dadurch entlastet, indem Entwicklungskosten gespart und zusätzlich neue Erträge durch Lizenzeinnahmen erzielt werden können. Diese Marktaktivitäten werden durch Internetplattformen wie InnoCentive.com unterstützt, welche 2001 als Spin Off des Pharmaunternehmens Eli Lilly gegründet wurde. Auf InnoCentive.com können Unternehmen ihre Probleme formulieren, für das sie eine Lösung suchen. 160.000 registrierte Wissenschaftler und Tüftler aus 175 Ländern stellen ihr Lösungspotenzial zur Verfügung und können ein ausgelobtes Preisgeld in Höhe von 5.000 USD bis 100.000 USD für Ihre Lösung erhalten.

Die suchenden Unternehmen besitzen die Hoffnung, dass dieses große Netz von Experten ein genau umrissenes Problem effizienter löst als die eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung, welches sich in Kosten- und Zeitersparnis wiederspiegelt.

Offene Geschäftsmodelle ermöglichen höhere Erträge
Offene Geschäftsmodelle ermöglichen höhere Erträge

Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle öffnen, entziehen sich auf der einen Seite dem Kostendruck, dem sie unterliegen, wenn Sie ausschließlich intern forschen. Auf der anderen Seite können Sie über Lizenzgebühren Erträge von wenig genutzten oder überhaupt nicht genutzten Patente erzielen. Über Märkte wie InnoCentive.com kann ein Einstieg auf eine für Unternehmen weitgehend unbekannte Form des Wirtschaftens erreicht werden. Die Verwertung von Lizenzen erfährt dabei eine neue Dimension, die bereits allseits bekannt ist. So wie Urheberrechte eines Buches verkauft werden können, um aus einer potenziellen Verfilmung Tantiemen zu erhalten, ist es denkbar, technische Erneuerungen als etwas zu verwerten, was dem Erfinder nicht in dem Sinn gekommen wäre. Die Kombination von verschiedenen Geschäftsmodellen in verschiedenen Märkten mit verschiedenen Ressourcen eröffnet eine Vielzahl von Verwertungsmöglichkeiten. Dank Innovationsmärkten können Ideen von Unternehmen, die keine Verwendung für sie haben, auf andere Unternehmen übergehen, die genau nach dieser Idee gesucht haben.

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